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Willis Earl Beal - Acousmatic sorcery

Willis Earl Beal - Acousmatic sorcery

Hot Charity / XL / Beggars / Indigo
VÖ: 30.03.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Deine Stimme zählt

Bei Anruf Leid

Dieses Internet ist schon eine feine Einrichtung. Ohne könnte man jetzt zum Beispiel diesen Text nicht lesen, und auch Bands wie Arctic Monkeys oder Clap Your Hands Say Yeah wären vermutlich längst nicht so berühmt, wenn es das Ding nicht gäbe. Das Problem daran ist nur: Kaum jemand redet mehr miteinander, weil fast alle den Umweg über die Tastatur nehmen. Vom Telefonieren erst ganz zu schweigen. Bei manchen könnten jetzt Erinnerungen an den Dial-A-Song-Service von They Might Be Giants wachwerden, der einst genau das hielt, was sein Name versprach: bei Anruf Lied. Schön war das schon. Findet offensichtlich auch Willis Earl Beal, der verspricht: "Call me and I will sing you a song." Und nicht etwa "and I will send you a download link".

Nun sind Beals Lieder auch auf Platte statt nur fernmündlich erhältlich - und klingen immer noch, als hätte man sie durch eine knarzende Leitung eingespielt. Jede LoFi-Produktion wird zur cineastischen Soundwand, wenn der Mann aus Chicago Kinderzither, Kochtopf-Schlagzeug und leere Flaschen als Percussions auf vorsintflutlichem Aufnahmegerät einrumpelt und gelegentlich auch die Akustische bemüht. Singer-Songwriter, Soul, Gospel, HipHop für Außerirdische, Spielzeug-Industrial - bemühte Kategorien, die dieses Album gründlich außer Kraft setzt. Und mag Bob Dylan noch so eindringlich vom Wandbild auf dem Cover mahnen: Auch er kann nicht helfen. Nicht wenn verstimmtes Geklimper eröffnet, "Take me away" dumpf bumsendes Stakkato klöppelt und "Cosmic queries" ein ganzes bedröhntes Gamelan-Orchester imitiert.

Und erst als "Acousmatic sorcery" sich mit dieser bizarren Geräuschkulisse sowie grob zwischen Gil Scott-Heron und Bill Callahan oszillierendem Nichtgesang Respekt verschafft hat, zeigt Beal, dass er auch anders kann: "Sambo Joe from the rainbow" ist ein Schlaflied für alle, die nachts wach liegen, "Monotony" eine behutsame, aber freudlose Moritat, und die Seufzer "Evening's kiss" und "Away my silent lover" inszenieren zu sparsamster Gitarrenbegleitung einen sehnsuchtsvollen bis leidenden Folk-Blues, den Beal abwechselnd mit beschwörendem Timbre und zornigem Spoken-Word-Gezeter konterkariert. Und plötzlich ist es herzlich egal, dass sich dieses Album auch mit einem rostigen Blecheimer prächtig verstehen würde. Denn selten war tolldreiste Disharmonie so erhebend.

Und wenn Beal im besonders grandiosen "Swing on low" ungebremst gegen einen Altglascontainer läuft, in dem gerade ein Rhythmus-Workshop stattfindet, zeigt das vor allem eines: Es ist der Kontrast aus Musikalität und bewusstem Dilettantismus, der diesen Songs Leben, Seele und oft auch hinreißenden Irrsinn einhaucht. Ein erschütternd konsequent durchgezogenes Anti-Ding, bei dem man fast auf dumme Ideen kommen kann: Warum liegt das Veröffentlichungsdatum so nahe am 1. April? Und reibt sich irgendein renommierter Motown-Veteran vielleicht gerade in diesem Moment die Hände vor diebischer Freude darüber, wie perfide er ein Publikum an der Nase herumgeführt hat, das stets nach Unerhörtem giert? Doch fort mit diesem Gedanken. Fest steht jedenfalls: Ein Album wie "Acousmatic sorcery" gibt es so schnell kein zweites Mal.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Take me away
  • Evening's kiss
  • Swing on low
  • Angel chorus

Tracklist

  1. Nepenenoyka
  2. Take me away
  3. Cosmic queries
  4. Evening's kiss
  5. Sambo Joe from the rainbow
  6. Ghost robot
  7. Swing on low
  8. Monotony
  9. Bright copper noon
  10. Away my silent lover
  11. Angel chorus

Gesamtspielzeit: 45:25 min.

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