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Tomte - Heureka

Tomte - Heureka

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 10.10.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Deine Stimme zählt

25 Stunden am Tag

Thees Uhlmann will nicht mehr schlafen. Weil es so unfassbar viel zu sehen und zu tun gibt auf dieser Welt, von der der Tomte-Vordenker nicht genug kriegen kann und will. Ein Endorphin-Leben, in dem jede kaffeewache Nacht besser ist als der dankbarste Wunschtraum, den der Sandmann spendieren könnte. Man kennt Thees genau so, als elektrisierten Daueradoleszenten mit Bock auf Bier und Befindlichkeiten, der seinen Lebensdurst nicht mal unter Gewaltandrohung zügelt. Als (einigermaßen) frisch gebackenem Familienvater scheint dem Mittdreißiger aber jede Form von Lethargie und Tristesse abhanden gekommen zu sein: "Heureka" - schon der bloße Albumname ist ein Bekenntnis zu hemmungsloser Euphorie.

Man sieht die namensgebende Szene förmlich vor sich: Den nackten, glücklichen Archimedes von Syrakus, wie er durch die Stadt läuft, laut "Heureka!" rufend, weil die Dinge sich für ihn plötzlich ineinander fügten. Und man sieht Uhlmann, wie er sich die Magengrube leer freut über diese Geschichte, die so sehr auch seine eigene ist. Tomte kommen auf "Heureka" wieder angenehm oft der Band nahe, deren störrische Lebensfreude einst für sonnige Nächte sorgte. Schon das einleitende Titelstück zeugt mit seinem herrlich zappeligen Klavier von der rauen Impulsivität, mit der das neue Werk von der Weichzeichnung "Buchstaben über der Stadt" abrückt. Ein Rückgriff in die eigene Tasche, der aber nicht zum Rückschritt wird, weil sich die Band anstatt liebestrunkener Optimisten-Romantik echter, rückhaltloser Zuversicht hingibt.

"Heureka" ist über weite Strecken ein vertonter Glücksmoment, eine Liebeserklärung an das schönste aller Leben, dessen plötzliche Leichtigkeit und Unbeschwertheit den ganzen Herzblutzoll vergessen macht, den das Hundeleben zwischen Großer Freiheit und Fischmarkt einst forderte und der "Hinter all diesen Fenstern" zu einem still schreienden Manifest deutscher Indie-Rockmusik werden ließ. "Küss mich wach, Gloria", diese Hymne des neuen Werks mit ihrer Haken schlagenden Gitarre, feiert kompromisslos das Dasein und ist zugleich Ratschlag und Selbstverortung: "Wir heben unser Glas in Demut / Ich erinner mich an alles und jeden / Such Dir jemanden, der Dir nicht wehtut / Du nennst das Pathos / Und ich nenn es Leben", sehnsüchtelt Thees im tollen Finale und hat spätestens hier das letzte Wort für die Ausdeutung seiner alles umarmenden Weltsicht.

Nach wie vor brauchen Tomte für den Fortschritt den Standard, um abzuweichen zu können. So versammelt "Der letzte große Wal" als übertypische Single nur am offensichtlichsten das, was man an Tomte schätzen gelernt hat: Die lwuuuuaaawuaaaaaaaang gezogenen Vokale, die leicht kryptisch erzählten Uhlmannschen Momentaufnahmen mit Blick für das große Ganze, die britischen Gitarren mit der deutschen Finesse. Auch ein im besten Sinne konventioneller Rocksong wie "Wie ein Planet" oder das tosende Oasis-Ende von "Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören" dokumentieren, wie sehr die Band ihren ureigenen Stil mittlerweile verinnerlicht und perfektioniert hat.

Spannender sind auf "Heureka" aber die sperrigeren Momente, in denen die Freude aufgebrochen wird und sich das Album einer nachdenklicheren Seite öffnet: Zum ersten Mal reflektieren Tomte-Songs unmittelbar, allen voran das großartige "Wie siehts aus in Hamburg": "Wer ist pleite? / Wer ist fertig? / Und wer hat es ans Ufer geschafft?" fragt Uhlmann und fleht: "Halte durch!". Das ist nicht mehr der Typ, der im Sturm des Lebens neben Dir an der Bar steht, das ist der väterliche Freund, der diesen Lebensstil kennt und ihm doch ein wenig entwachsen ist. So baut der Song eine Brücke zwischen Kreuzberg und St. Pauli, zwischen früher und heute, und offenbart erstaunlich konkret den Phantomschmerz des Tomte-Sängers, der auch einmal "eine Geschichte, die auf ein Reiskorn passt" sein eigen nannte.

Tomte wagen sie, die ruhigen Songs, die man sacken lassen muss. Ganz viele der heimlichen Tränenzieher-Zeilen verstecken sich dort, etwa im orgelverhangenen "Voran voran", wenn Thees drauflos schmachtet: "An Schlaf ist nicht zu denken, oh, gib mir einen Kuss / Als ob Du danach tausend Jahre auf Küssen warten musst". Wieder verpufft er, der Kitsch-Vorwurf, wie auch schon in Thees' Fast-Falsett-Meisterprüfung "Es ist so, dass du fehlst", weil ein Ausspruch wie "Du bist das Beil / Ich bin der Wald / Hier hat noch jeder / Jeder gezahlt" nun mal ein scharfes Schwert und keine dumpfe Klischee-Keule ist. All das funktioniert auch deshalb so gut, weil Tasten-Neuzugang Simon Frontzek die Songs nicht einfach nur andickt, sondern Klavier und Orgel dieses Mal auch gestalten, bis sich in "Das Orchester spielt einen Walzer" Klavier, Chorgesang und Text gegenseitig aufgeschaukelt haben: "Lass die Bläser laut sein wie Orkane / Lass die Geigen Kilometergeld bekommen / Lass die Pauken den Schlachtgesangsrhythmus anstimmen / Was hast Du alles gegeben, und jetzt wird genommen." Nein sagen kann man hier schon lange nicht mehr.

"Heureka" schafft einen mächtigen Spagat, weil es einerseits das energiegeladenste Album seit "Eine sonnige Nacht" ist und dennoch die besonnensten und bewusstesten Tomte-Momente bis dato enthält. Das lässt es neben dem homogenen "Buchstaben über der Stadt" und dem unübertrefflichen "Hinter all diesen Fenstern" ein wenig zerrissen wirken - und etwa "& ich wander" oder "Du bringst die Stories (und ich den Wein)" halten auch nicht, was die durchweg stärkere erste Albumhälfte verspricht. Dennoch: Das Gefühl stimmt immer noch bei Deutschlands größter kleiner Band, ein lachendes und kein weinendes Auge sind schließlich allemal genug. "Können wir uns einigen?" lautet die Frage in "Voran voran". Auf die Gefahr hin, wie ein Idiot das Eindeutige auszusprechen: Ja, können wir. Auf Tomte, auf dieses Leben, auf das eigene, gemeinsame, schönste. Heureka!

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Wie siehts aus in Hamburg
  • Voran voran
  • Küss mich wach, Gloria
  • Das Orchester spielt einen Walzer

Tracklist

  1. Heureka
  2. Wie ein Planet
  3. Der letzte große Wal
  4. Wie siehts aus in Hamburg
  5. Voran voran
  6. Küss mich wach, Gloria
  7. Es ist so, dass du fehlst
  8. & ich wander
  9. Dubringst die Stories (ich bring den Wein)
  10. Das Orchester spielt einen Walzer
  11. Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören
  12. Dein Herz sei wild

Gesamtspielzeit: 48:06 min.

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