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TV On The Radio - Dear science

TV On The Radio - Dear science

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 19.09.2008

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Goldene Hüften

Ist David Sitek etwa gefährlich? Als vor zwei Jahren TV On The Radios alle Bahnen brechende Platte "Return to cookie mountain" erschien und deutsche Popjournalisten gerne mit ihm über die Apokalypse reden wollten, versicherte Sitek jedenfalls, dass ein Attentat auf George W. Bush doch zur Abwechslung mal ein heldenhaftes Vorhaben wäre. Gut, daraufhin musste er sich von seinem Management belehren lassen, dass die Männer in den schwarzen Anzügen wegen solcher Sätze schon bei ganz anderen Leuten geklingelt hätten. Um Sitek als nicht gerade zimperlichen Mann der Tat zu begreifen, reicht es aber schon, dem TV-On-The-Radio-Sänger Tunde Adebimpe zuzuhören: "Dave ist ein durchaus gewaltbereiter Gegner der klassischen Rock'n'Roll-Gitarre", erzählte der in den gleichen Interviews. Und "Return to cookie mountain" war seine ganz persönliche Messerstecherei.

Es rauschte und dröhnte auf dieser Platte, gerne auch dann, wenn David Bowie einen pathetischen Rock-Refrain anstimmen wollte. Sitek verschleppte und/oder doppelte offensichtliche Melodien und vergrub sie zur Sicherheit immer wieder derart tief im Mix, bis man nur noch mit Bauarbeiterhelm wirklich komfortabel in "Return to cookie mountain" absteigen konnte. Was sich aber damals schon nicht wegsabotieren ließ, gelangt auf "Dear science" nun zur endgültigen Gewissheit: die Erkenntnis nämlich, dass TV On The Radio eine ziemlich eindeutige, ziemlich eierköpfige Popgruppe sind. Bevor sich eine gefährliche Art von Selbstverständlichkeit in ihre Musik einschleichen konnte, haben sie die meisten Trademarks der letzten Platte doch lieber selbst gestrichen. Und klingen trotzdem noch immer, als erstreckte sich ihre Komfortzone einmal quer durch Rock, Rap, Soul, Funk, Pop und die jeweiligen Geschichtsbücher.

Wer "Dear science" wirklich und allen Ernstes etwas vorwerfen will, soll es jetzt tun und dann nach Hause gehen: Erstmals erscheinen TV On The Radio nicht wie die Zukunft, sondern wie ein aus allerlei verschiedenen Vergangenheiten und Ersatzteilen zusammengebautes Rock'n'Roll-Mutterschiff, das trotzdem blinkt wie frisch aus der Fabrik und wahrscheinlich sogar mit Biodiesel fliegt. Schon die vier Minuten Abtasten am Anfang von Album und "Halfway home" thronen majestätisch über allem außer der guten alten Aufwärtshaken-Gitarre, die das Stück schließlich dahinrafft. "Crying" danach stampft Prince noch ein Stückchen weiter in den Boden, und "Dancing choose" ist zwar kein gutes Wortspiel, aber der einleuchtendste Drei-Minuten-Hit, der einem passieren kann, wenn man die Popmusik wie eine riesengroße Dartscheibe ins Visier nimmt.

An der Art, wie Adebimpes wild gestikulierender Sprechgesang erst den Informationsoverflow des alltäglichen Lebenswahnsinns nachäfft, um sich dann mit überraschend sanftem Refrain von seiner atemlosen Niggy-Tardust-Agitation zu befreien, erklärt sich ein entscheidender Pluspunkt für "Dear science" von selbst: Das Album ist genauso Party- wie Protestplatte und lässt eins nicht ohne das andere gelten. "Golden age" kann deshalb als übermütig-verfrühter Abgesang auf die Ära der Neocons verstanden werden, während befehlshabende Bläserfanfaren und Kyp Malones frei schwebender Falsettgesang nahe legen, den Titel des Stücks eher auf die Hochzeit von Funk-Actionstars wie Curtis Mayfield zu beziehen. Derart in Form geschüttelt, scheißt "Red dress" gleich ganz auf politische Kodierungen - wenn jemals ein Rocksong sexy war, dann dieser Sündenpfuhl aus Saxophon, Bongotrommeln und immer schnellerer, immer hoffnungsloser in sich selbst verhedderter Frickel-Gitarre.

TV On The Radios Lieblingsmusiker und -freunde von Celebration sind hier gleichzeitig Inspiration und Empfänger einer nachhaltig erteilten Lektion. Was beide Bands verbindet, ist der Wille, sich niemals zähmen, niemals steuern zu lassen, selbst wenn es doch noch die Mittel der konventionellen Rockmusik braucht, um dieses Selbstverständnis bei den Leuten vorzuführen. "Lover's day" kann so zur Nationalhymne der sexuell Befreiten werden, einer ausgesprochen expliziten, jedes Register ziehenden Flöten-und-Freudenchor-Version des alten "Love is all we need"-Gassenhauers. Und "Shout me out" darf die Reichweite der klassischen Rock'n'Roll-Gitarre austesten - nur um schließlich herauszufinden, wie prächtig sich auch damit ganze Lieder in Schutt und Asche legen lassen. David Sitek also ist tatsächlich gefährlich. Wenn "Dear science" eins beweist, dann, dass wir mehr Leute wie ihn brauchen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Halfway home
  • Dancing choose
  • Red dress
  • Lover's day

Tracklist

  1. Halfway home
  2. Crying
  3. Dancing choose
  4. Stork and owl
  5. Golden age
  6. Family tree
  7. Red dress
  8. Love dog
  9. Shout me out
  10. DLZ
  11. Lover's day

Gesamtspielzeit: 50:21 min.

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