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Wolf Parade - At Mount Zoomer

Wolf Parade - At Mount Zoomer

Sub Pop / Cargo
VÖ: 20.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Vorausschauendes Fahren

Es könnte verfrüht sein, von einem AOR-Revival zu sprechen, nur weil jetzt in zwei Monaten die zweite Platte einer Band erscheint, die es eigentlich besser wissen müsste. Es könnte aber auch verfrüht sein, von verfrüht zu sprechen, weil ja niemand weiß, was in den nächsten Wochen noch so passieren wird mit den merkwürdigen Gitarrenbands, die immer unmerkwürdiger werden. Bei Islands hat die Normalisierung der Umstände mit "Arm's way" zur ersten Rockradio-Platte der Welt geführt, die kein Rockradio der Welt spielen wird, und im Fall von Wolf Parade sieht es plötzlich so aus, dass sie mit "At Mount Zoomer" zu einer Besonnenheit finden, für die man sie im Straßenverkehr nicht mal mehr rauswinken würde. Vorsicht, Draufsicht und frühzeitig angezeigte Spurwechsel bestimmen das zweite Album der Band um Spencer Krug, Dan Boeckner und ihre jeweiligen Sockenschüsse. Nur zum Schulterblick kann man sie natürlich noch immer nicht animieren.

Die Songs von "At Mount Zoomer" wurden kollagentechnisch aus langen Jam-Sessions zusammengeschnitten, die Wolf Parade im Kirchenstudio von Arcade Fire absolviert haben. Auf der fertigen Platte aber ist davon höchstens eine allgemeine Gegensätzlichkeit der Ereignisse übriggeblieben. Das Album startet mit zwei Gitarren im leidenschaftlichen Infight, die nach zwei Minuten 20 kurz darüber nachdenken, sich einem Song der späten Wilco anzuschließen - das Stück heißt "Soldier's grin", aber nach "Links, zwo, drei, vier" klingt erst das Klavier im folgenden "Call it a ritual". Wolf Parade und ihre Schwesterprojekte waren ja schon immer gut darin, Tasteninstrumente als sehr bestimmtes Rockmusikwerkzeug zu begreifen; dass das Klimperpiano in "Bang your drum" dann plötzlich nach Kinderspielsachen klingt, muss auf "At Mount Zoomer" deshalb schon als ausgesprochene Verrücktheit durchgehen.

Die Songs ärgern einen ohnehin immer wieder mit ihrer Gefasstheit und Konzentrationsfähigkeit, der letzten Endes natürlich doch nicht zu trauen ist. "An animal in your care" beginnt zum Beispiel als Schnulze im Albumkontext, kommt am Ende aber dem rasenden Turbulenzen-Rock der letzten Sunset-Rubdown-Platte näher als jeder andere Song auf "At Mount Zoomer". Auch "Language city" erhebt das zielgerichtete Zusteuern auf sein Film- und Hirnrissfinale zur obersten Kunstform. Und "California dreamer" stelzt schließlich auf Rasierklingen durch jene sumpfigen Hoheitsgebiete des Indierocks, die Wolf Parade schon mit ihrem Debütalbum "Apologies to the Queen Mary" erschlossen haben. Es ist mit großem Abstand der beste Song auf "At Mount Zoomer" und eigentlich auch die ganze Platte einmal für sich genommen.

Um daraus einen ernsthaften Vorwurf für Wolf Parade stricken zu können, müsste man aber schon eine besonders heiße Nadel schwingen. Der Rotstift lässt sich ohnehin besser bei "Fine young cannibals" ansetzen, das nicht nur heißt wie eine schlechte Rockband, sondern auch lange Zeit so klingt. Es dauert eine ganze Indierock-Ewigkeit, bis der Song aus dem Quark und von seiner beinahe provokant einfachen Einsteiger-Melodie wegkommt, um mit kurzem Gitarrenkraftakt zumindest seinen Ruf zu retten. Auf einer Platte, die sonst sehr gewissenhaft mit allem umgeht, fehlt ihm aber doch die Rechtfertigung dafür, sich in sechseinhalb Minuten breit zu machen, die man genauso gut an das eh schon endlose, dabei aber punktgenaue "Kissing the beehive" hätte dranhängen können.

Selbst wenn man diesem Song dabei zuhört, wie er seine drei Leben an Gitarre, Synthesizer und Verlängerungskabel verpulvert, bleibt aber doch der Eindruck, dass "At Mount Zoomer" wie kein anderes Album aus dem Wolf-Parade-Umfeld in Stein gemeißelt wurde. Es gibt kaum Anhaltspunkte, an denen sich die Platte aus dem Gleichgewicht hebeln ließe - vielleicht, weil die überaus faire Gleichberechtigungs-Produktion von Schlagzeuger Arlen Thompson so viel transparenter ist als Isaac Brocks Chefsessel-Arbeit beim Vorgänger, der vor allem seine Gitarren zum Kratzen und Beißen vorausschickte. Was hier also von den unaufgeräumten Wolf Parade übrig ist, sind Paranoia, Neurosen und misstrauische Raus-aus-der-Stadt-Texte, die auch bereit sind, sich an der Rückenflosse eines pferdeförmigen Feuerdrachens festklammern, solange es nur den Zweck erfült. Sollten Wolf Parade damit abstürzen, bleibt ihnen zumindest die Erkenntnis, dass man den Karren auch vorausschauend an die Wand fahren kann.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Soldier's grin
  • California dreamer
  • Kissing the beehive

Tracklist

  1. Soldier's grin
  2. Call it a ritual
  3. Language city
  4. Bang your drum
  5. California dreamer
  6. The grey estates
  7. Fine young cannibals
  8. An animal in your care
  9. Kissing the beehive

Gesamtspielzeit: 46:42 min.

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