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Portishead - Third

Portishead - Third

Island / Universal
VÖ: 25.04.2008

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Dawn of the dead

Ende letzten Jahres haben Portishead etwas sehr Ungewöhnliches getan: Sie haben sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man erzählte sich schon seit längerem über ihr neues, längst sagenumwobenes Album, dass es weitgehend fertig sei und kurz vor der Veröffentlichung stünde. Dann tauchte aber plötzlich eine formlose Pressemitteilung auf, so circa: "Wir haben den ganzen Scheiß weggeschmissen und fangen jetzt noch mal von vorne an." Die Meldung endete zwar auf einer schief grinsenden "Nur Spaß"-Fußnote, aber ehrlich - lustig konnte das niemand finden. Es hing schon damals zu viel dran an dieser Platte, man hatte zu lange auf sie gewartet, zu sehr um sie gebangt und zu große Hoffnungen in sie gesetzt. Jetzt heißt sie "Third" und ist da, aber mit ihr kommt keine Erleichterung, weil, das wäre ja viel zu einfach.

Über zehn Jahre stehen zwischen dem zweiten und dritten Studioalbum von Portishead, und auf "Third" hört man jeden einzelnen Tag davon. Die zigtausend Stunden Arbeit, jeder Kampf und jedes Zerren um zwei Zentimeter Stoßrichtung: Alles liegt offen vor einem, ausgebreitet von Adrien Utley und Geoff Barrow, die sich so lange in purer Boshaftigkeit ergingen und überboten, bis sie einander zwangsläufig unheimlich werden mussten. Das hässliche Donnern, Dröhnen und Kreischen der Maschinen auf "Third" verbannt Portisheads hintersinnigen Popappeal der 90er Jahre nicht bloß aus seinem Blickfeld. Es macht sich einen regelrechten Spaß daraus, jeden Anflug von Leichtigkeit wie einen längst geschlagenen Boxer vor sich herzutreiben, zu quälen und zu erniedrigen. Blut und Schweiß sind allerdings noch das Harmloseste, was hier fließt. Einmal durch "Third", und man fühlt sich selbst verantwortlich für alle Schreibblockaden und Streitereien, die Portishead durchmachen mussten.

Ein gemeiner, genialer Schachzug der Band, natürlich. Beth Gibbons steht da zunächst nur nebendran und hört sich an, wie "Silence" durch ein schwer pumpendes Intro mit kriegstreibenden Tribal-Drums, wechselweise fräsenden oder schabenden Gitarren und einer gesunden Schicht Packeis aus Computerstreichern gejagt wird. Wie ein großer Auftritt geht, weiß sie aber noch immer: Nach zwei Minuten fährt die Musik kurz alle Regler runter, und Gibbons singt die ersten Portishead-Zeilen, seit Helmut Kohl nicht mehr Bundeskanzler ist: "Tempted in our minds / Tormented in silence." Die Reste dieses Tracks kann man sich wenig später von der Windschutzscheibe kratzen. Ein erstes Zeichen ist gesetzt, und "Hunter" spielt Folkmusik mit Lähmungserscheinungen, betrachtet durch die Glupschaugen eines Außerirdischen. Jahrelang trug diese Platte den Arbeitstitel "Alien", jetzt weiß man auch, warum.

Dabei der Hohn schlechthin: In seinem verdorbenen, schwarzen Herzen ist "Third" eine Gitarrenplatte. Nicht, weil es Riffs und Licks oder gar Soli spielen würde, sondern weil es sich mit keinem anderen Instrument ähnlich große Selbstverstümmelungen zufügt. Das beunruhigend ruhig gestellte Fingerpicking aus "The rip" schafft gerade noch den Absprung, bevor der Track in ein Loch zwischen zwei Dimensionen gerät und zu ewiger Schwerelosigkeit verdammt wird. Schon die anschließend für "Plastic" verzerrten, verfremdeten und schließlich zerschlagenen E-Gitarren können sich auf keine vorbeitreibende Hauptplatine mehr retten, und wenn das abgehetzte, leer gekämpfte "We carry on" dann noch mal eine Melodie versucht, hat das längst keinen Sinn mehr. Es könnte das 21. Jahrhundert sein, das hier beginnt, aber genauso gut auch das Ende von allem.

Für "Third" macht es keinen Unterschied, die Platte kennt ohnehin nur vorbestimmte Schicksale und abgebrochene Neuanfänge. Sie ist so streng versperrt, nachtragend und böswillig, dass einem die Eins Dreiunddreißig von "Deep water" wie ein ganzes neues Leben vorkommen. Gibbons singt, beschwingt beinahe, über eine Ukulele hinweg, und hinter ihr her stolpern Background-Vocals, die klingen wie von einer 80 Jahre alten Schellack-Platte runtergekratzt. In Wahrheit dient der Song aber bloß als Startbahn für "Machine gun", den ätzendsten, kaputtesten und besten Track von "Third". Schwer zu sagen, was hier noch passiert, nachdem man zwischen den verhärteten Fronten aus Industrial-Querschläger und kränkelndem Drumcomputer aufgerieben wurde. Portishead jedenfalls überleben und fordern den Mainstream mit einem ausgeleierten, abgekämpften und zerbeulten Meisterwerk entschiedener heraus als alle anderen Platten seit Radioheads "Kid A". Ende der Wartezeit, Anfang der Eiszeit.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Silence
  • The rip
  • Machine gun

Tracklist

  1. Silence
  2. Hunter
  3. Nylon smile
  4. The rip
  5. Plastic
  6. We carry on
  7. Deep water
  8. Machine gun
  9. Small
  10. Magic doors
  11. Threads

Gesamtspielzeit: 49:09 min.

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