Archivsuche

Listen

Suche bei Amazon

Partnerangebote



skyscraper_free_trial


Mein BASE


www.titus.de

eXTReMe Tracker

Blonde Redhead - 23

Blonde Redhead - 23

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 13.04.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Verdiente Flügel

Künstlerisches Schaffen hält uns beizeiten den Spiegel vor und schafft es in seltenen Fällen, festgefahrene Lebenseinstellungen aus den Angeln zu heben. Man nehme den flimmernden Zelluloidstreifen, der, wenn alle entscheidenden Komponenten stimmig sind, mit eiskalter Messerschärfe ins denkende, fühlende Fleisch schneidet und sich so mit Nachdruck in unserer Lebensführung verewigt. Gerade "The elephant man" von David Lynch aus dem Jahre 1980 gehört zu einer besonders anhänglichen Sparte dieser Herz-und-Hirn-Klammeraffen. Die aufwühlende Geschichte eines körperlich missgebildeten Menschen im England des 19. Jahrhunderts, der zur Jahrmarktsensation missbraucht wurde, faszinierte und schockierte - und führte bei Kazu Makino von Blonde Redhead mitunter zu mittelschweren Depressionen.

Die Leidensgeschichte der japanischstämmigen Makino, Sängerin und Gitarristin der 1993 formierten Band aus New York, ist eine, die man kaum glauben mag: Nach dem fünften Album von Blonde Redhead, "Melody of certain damaged lemons" von 2000, und einem angekündigten Wechsel zum renommierten Label 4AD musste die dreiköpfige Band (die bis dahin mit nur unwesentlichen Veränderungen die Noise-Pfade von Sonic Youth erkundschaftete) für vier Jahre pausieren. Der Grund: Ein Pferd trat Makino den Kiefer ein. Acht Wochen konnte sie nicht sprechen, und der Blick in den Spiegel schmerzte noch viel mehr. Ihrem persönlichen Martyrium setzte sie auf "Misery is a butterfly" mit dem Song "Elephant woman" ein Denkmal. Dies war ein Schritt in eine wesentlich eingängigere Richtung. Eine Richtung, die man von den experimentellen Abenteurern, mit ihren dissonanten Gitarren und verqueren Rhythmuslinien, nicht für möglich gehalten hatte.

Für den nun anstehenden Nachfolger "23" mussten auch wieder drei Jahre ins Land gehen. Zum Glück ohne wesentliche Zwischenfälle. Nennenswert bleibt, dass Makino und die beiden italienischstämmigen Zwillingsbrüder Amedeo (Gitarre, Vocals) and Simone Pace (Drums) ihren verstörenden Wurzeln aus Noise und No-Wave keinen wirklichen Einlass mehr gewähren, sondern den auf "Misery is a butterfly" eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen. Himmelwärts strebender Shoegaze, sublimiert mit elektronischer Raffinesse und lieblicher Pop mit melancholischem Einschlag bilden das Zentrum von "23". Epochal und auf großen Spuren produziert windet sich der eröffnende Titeltrack mit kühler Eleganz auf einem breiten Soundteppich. Geknüpft im My-Bloody-Valentine-Gedächtnisstatus treffen mäandernde Gitarren auf die leidenschaftliche Stimme Makinos, die zwischen nüchternem Lalala und flehentlichem Refrain ein emotionales Auf und Ab im vorherrschenden Instrumentenminimalismus vollführt. "Dr. Strangeluv" entpuppt sich als frühlingsfrischer Traum, mit unsichtbarer Träne im Unterton. "SW" springt mit großem Satz in eine protzige, aber verschroben zum Ausdruck gebrachte Hornfanfare. "Silently" und "Top ranking" sind der letzte, pophymnen- und mädchenhafte Schliff, um sich endgültig von der krachigen Vergangenheit zu lösen.

Die Antithese zu Makinos vokaler, weiblich starker Vielfalt bietet dabei Amedeo Pace mit seinem schmalbrüstigen Stimmchen. Die multikulturelle Band lenkt die bewusst missgestalteten Züge ihrer Anfangszeit souverän in klar und subtil ausgearbeitete Bahnen. Mit "23" ist Blonde Redhead ihr bisher bestes Album gelungen. Endlich langen sie nach der Schmetterlingsgestalt, die sie schon mit dem Vorgänger "Misery is a butterfly" in greifbarer Nähe sahen. Die Transformation ist gelungen.

(Markus Wollmann)

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Dr. Strangeluv
  • SW
  • Silently

Tracklist

  1. 23
  2. Dr. Strangeluv
  3. The dress
  4. SW
  5. Spring and by summer fall
  6. Silently
  7. Publisher
  8. Heroine
  9. Top ranking
  10. My impure hair

Gesamtspielzeit: 43:27 min.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum