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Damien Rice - 9

Damien Rice - 9

Warner
VÖ: 24.11.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Erhöhte Temperatur

Erst waren es nur schüchterne Annäherungsversuche. Dann kam man sich immer näher. Und doch dauerte es Wochen, Monate, vielleicht Jahre, bis eine Liebe entflammte, die für die Ewigkeit halten wird. Oder mit anderen Worten: Zunächst schien "O" nur ein weiteres, tolles Akustikgitarren-Album eines Underdogs zu sein, wie man es immer mal wieder in die Finger bekommt. Längst ist man schlauer, hat erkannt, daß jeder kleiner Schwenk und jedes große Opernfinale noch so perfekt sind. Das Ding hat sich bei nicht wenigen Musikfreunden zum besten Singer/Songwriter-Oeuvre des neuen Jahrtausends gemausert. Sogar Fußball-Rambo Wayne Rooney wird bei "O" ganz weich und nennt es seine Lieblingsplatte. Und noch heute formt man bei jeder Begegnung andächtig den Albumtitel mit den Lippen nach. Man hört und staunt.

Jetzt macht sich zunächst Freude breit. Über ein neues Damien-Rice-Album. Dann Hoffnung. Weil der Künstler die von seinem Label initiierte, grausame, radiotaugliche Neuabmischung der "Cannonball"-Single nur unter der Prämisse abgenickt hat, daß man ihn in Zukunft nie mehr in die Quere kommen darf. Außerdem Angst. Weil das Album, egal wie toll es ist, unmöglich an den Vorgänger herankommen wird. Und dann ist es da. Mit diesem Cover. Mit dem Titel "9". Was will uns der Künstler damit sagen? Hat das "O" einen weiteren Schnörkel untendran bekommen? Und ist das Klecksgesicht auf dem Cover das seinige? Umringt von einem Labyrinth in bunten Pastellfarben? Einem Irrgarten namens Leben?

Völlig egal. Denn alle Gedanken und Zweifel, die man im Vorfeld gehegt hatte, entweichen durch die Ohren mit einem lauten Zischen, wenn das Album losgeht. Nicht denken! Fühlen! Und wie! "9 crimes" eröffnet das Album mit zwei Stimmen, einer weiblichen und einer männlichen, jener von Sidekick Lisa Hannigan und jener von Damien Rice. Beide wirken sich so nah, als ob sich beim Singen ihre Körper aneinanderschmiegen würden. Und doch trügt der Schein. Sie singen von Untreue, von Vergebung und von anderen Dingen, die niemand sonst verstehen kann und die doch irgendwie ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben.

Immer bekommt man beim Zuhören ein schlechtes Gewissen, weil die Songs so persönlich klingen, als ob Rice sie für sich alleine singen würde und nur Hannigan, die Stimme in seinem Kopf, zuhören und antworten dürfe. Man fühlt sich wie ein Voyeur, der durchs Schlüsselloch schaut und an der Tür lauscht. Oder als lese man heimlich in einem Tagebuch. Bei "The animals were gone", in dem sich Damien sechs Minuten lang Arm in Arm mit seiner Lisa im Streichertakt schunkelt und das leider etwas unscheinbar bleibt. Beim innigen "Sleep don't weep", der songgewordenen trauten Zweisamkeit. Beim schmerzverzerrten "Me, my yoke and I", wo der Ire lauter wird, als man es ihm zugetraut hätte. Oder beim ähnlich ausufernden "Elephant", das ihn zu stimmlichen Höchstleistungen anspornt. Wenn sich dort "die" auf "lie" reimt, weiß man auch, wieso der Song "Elephant" heißt. Weil man eine ganz schön dicke Haut braucht, um ihn durchzustehen. Und danach eine Benjamin-Blümchen-Kassette zur Erholung.

Am hellsten strahlt "Rootless tree", ein Song wie aus dem Bilderbuch für die perfekte Komposition. Eine Akustikgitarre, die klingt wie eine Schleife um ein Geschenk, das sich von selbst auspackt. Eine Strophe wie knisterndes Papier. Und dann: Der Kasper, der einem unerwartet aus der Schachtel entgegenspringt: "Fuck you! / Fuck you! / And all we've been through", brüllt, keift, zetert er da doch glatt, der Damien. Wenn auch, ohne richtig böse zu werden. Man wundert sich über den Wortschatz des Iren. Und wird von dem tätschelnden Banjo wieder beruhigt. Alles nur Spaß? Nein, blanker Ernst, in jeder Sekunde zu spüren. In jedem Moment, der einen Hoffnungsschimmer erglimmen läßt und in jedem, der ihn gleich wieder auspustet. Und davon gibt es unendlich viele.

Wenn das Herz von Damien Rice rast, erhöht sich jede Frequenz. Und wenn er Hitze verspürt, steigt die Temperatur. Liebe ist alles. Und ein ständiges Geben und Nehmen. Man gibt sie, und sie wird gegeben. Man nimmt sie weg, und sie wird weggenommen. Oder kühlt ab: "Nothing is lost / This is frozen in frost." Was bleibt? Die eigenen Gefühle, auf die Verlaß ist. Der eigene Herzschlag, der den Takt vorgibt. Und die eigene Körpertemperatur, die zumindest vorm Erfrieren schützt. "I've still got me to keep me warm / Warmer than warm yeah." 36,5 Grad Celsius. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.

(Armin Linder)

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Highlights

  • 9 crimes
  • Rootless tree
  • Grey room

Tracklist

  1. 9 crimes
  2. The animals were gone
  3. Elephant
  4. Rootless tree
  5. Dogs
  6. Coconut skins
  7. Me, my yoke, and I
  8. Grey room
  9. Accidental babies
  10. Sleep don't weep

Gesamtspielzeit: 63:56 min.

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