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dEUS - Pocket revolution

dEUS - Pocket revolution

V2 / Rough Trade
VÖ: 12.09.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Entbindung

Die Nabelschnur ist durchtrennt. Endlich. Zog sich doch die Pause, die sich dEUS nach dem wieder einmal überragenden "The ideal crash" gönnten, immer mehr in die Länge. Der eine neue Song auf der Retrospektive "No more loud music" stillte die Sehnsucht nach neuen Spinnertheiten der Antwerpener kaum. Dann war wieder Funkstille. Zwischendurch vertrieb sich Barman die Zeit mit seinem Filmregiedebüt "Any way the wind blows", einem Danceprojekt namens Magnus und einem Livealbum mit Guy van Nueten. Immer wieder gab es Gerüchte um Proben und Studioaufenthalte seiner eigentlichen Band, um die Rückkehr alter Weggefährten oder deren Verschwinden. Und um wenigstens eine kleine Tour. Als diese dann tatsächlich kam, ließ sie manchen Mund verblüfft offen stehen. Bald schon würde das neue Album fertig, hieß es. Doch dann fiel die Band wieder auseinander, und Barman leckte seine Wunden.

Nun ist es also endlich da, das kaum mehr für möglich gehaltene "Pocket revolution". Sechs lange, lange Jahre ist es her, daß dEUS zuletzt die Melodien strahlen und ihre Hymnen ausfransen ließen. Entsprechend gebirgsgroß war die Vorfreude. Würden die Belgier es schaffen, nach drei brillanten Schrägpopdiamanten in Folge nochmals einen drauf zu setzen und uns neue unausweichlich großartige Hymnen wie "Suds & soda", "Little arithmetics" oder "Instant street" schenken? Die Antwort lautet nein. "Pocket revolution" ist kein weiterer Quantensprung. Und schon bröseln die Erwartungshaltungen. Doch bevor jetzt Verzweiflung um sich greift: Auch das vierte Album von dEUS ist ein verdammtes Meisterwerk. Auf seine eigene Art und Weise.

"Pocket revolution" macht nicht alles besser, sondern vieles anders. Keine Neuigkeit im Lager der Eingeweihten, denn bisher entwickelten Barman und Kollegen sich noch jedes Mal erstaunlich weit vom jeweiligen Vorgänger weg, um ihr raffiniertes Netz aus immer feineren Fäden zu spinnen. Nach all den Wehen und Pirouetten im Vorfeld war beinahe zu vermuten, daß all die kleinen Perlen, die doch stets den Kern von Barmans Songs ausmachen, den Weg auf den Tonträger im Zustand völliger Zerfaserung finden würden. Das Gegenteil ist der Fall. "Pocket revolution" ist das bislang kompakteste Album der Band. Aber dEUS wären nicht dEUS, wenn sie nicht doch ihrem Spieltrieb nachgegeben hätten.

Doch fangen wir ganz von vorne an: "Bad timing", der letzte Song, der für "Pocket revolution" fertig wurde, schwebt über einem sirenenartigen Gitarrenfeedback. Der Baß schreitet beherzt voran, während Barman sanft seine Akustische streichelt und auf unterschwellige Dramatik setzt. Nach vier Minuten kippt die Perspektive: Aus einem bedrohlichen Schwelgen wird plötzlich ein Frontalangriff. Der Rhythmus verliert die Geduld, aus Gitarren werden Sägen, und Barman surft auf der Schockwelle. Niemand sonst herrscht so über das Crescendo. Die Single "7 days, 7 weeks" hält zusammen mit den Hörern den Atem an. Leichtfüßig flüstert Barman über die schwierige Beziehung zu seiner Schwester. Ein Mutmacher, ein Ruhekissen, eine Hinterlist mit Weichzeichner. Lauter kleine Nadelstiche sind es, die den Song ebenso pieksen wie das gesamte Album. Leichte Variationen und unbemerkt geschlagene Haken verstecken sich im Arrangement. Eingezwirbelte Akkorde, zickige Samples, Dancegrooves und Verzerrertritte umkreisen sich mißtrauisch und umarmen sich dann doch hemmungslos. Wie in all den Schichten von "Stop-start nature", dem relaxten Miauen von "What we talk about (when we talk about love)" oder in der lärmenden Hektik von "If you don't get what you want". Verspielt, verschroben und allzu leicht unterschätzt.

Beeindruckendes Understatement stellt sich neben überraschend plakativen Gitarrentumult. Entsprechend gutsortiert und mit handverlesener Unterstützung basteln dEUS an den Extremen. Guy van Nueten hinterläßt die Melancholie seines Klaviers für das herzzerreißende "Include me out", Millionaires Tim Vanhamel hilft tatkräftig beim Knarzen, und CJ Bolland, Barmans Kollege von Magnus, spendiert den gelegentlichen Blubberbaß. Überhaupt standen Grooves und Rhythmen bei dEUS noch nie so durchgängig im Mittelpunkt. Beflügelt durch einen furztrockenen Beat von Drummer Stéphane Misseghers (Ex-Soulwax) rockt sich "Nightshopping" den Arsch bis auf den Knochen herunter, und Klaas Janzoons sägt am Ende noch mal kräftig an seiner Geige. Besonders brillant aber geriet "Sun ra", einer Skizze über all die verworrenen Gedanken bei nächtlichen Schlafstörungen, der die Infusionstherapie der Laut-Leise-Dramatik bestens bekommt. Zwischen hypnotisierter Zurückhaltung und purem Expressionismus schaukelt sich die Band in einen Rausch. So aufgedreht spürt man das Chaos gleich in der eigenen Hirnrinde. Doch dEUS lassen uns nicht allein. "Nothing really ends" beruhigt den Kreislauf und gibt neue Hoffnung. Ein Geschenk, wie das ganze Album. Danke dafür.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Bad timing
  • 7 days, 7 weeks
  • Include me out
  • Nightshopping
  • Sun ra

Tracklist

  1. Bad timing
  2. 7 days, 7 weeks
  3. Stop-start nature
  4. If you don't get what you want
  5. What we talk about (when we talk about love)
  6. Include me out
  7. Pocket revolution
  8. Nightshopping
  9. Cold sun of circumstance
  10. The real sugar
  11. Sun ra
  12. Nothing really ends

Gesamtspielzeit: 61:07 min.

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