Lunatic Soul - Under the fragmented sky

Lunatic Soul- Under the fragmented sky

Kscope / Edel
VÖ: 25.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mal kurz aufgeräumt

Jeder, der schon einmal kreativ tätig war, kennt vermutlich das Gefühl der Blockade. Was auch immer man tut, um dieses blöde Hirn frei zu bekommen, macht alles nur noch schlimmer. Wenn es sich um ein Hobby handelt, mag das alles einigermaßen egal sein, denn irgendwann wird der rettende Gedanke vermutlich schon kommen. Hat man jedoch seine Kunst zum Beruf gemacht, kann eine solche Schreibblockade ernsthaft existenzbedrohend werden. Erst recht, wenn es darum geht, persönliche Erfahrungen und Emotionen zu verarbeiten. Mariusz Duda scheint gottlob dagegen immun zu sein, obwohl der Pole bekanntermaßen gleich zwei Menschen aus seinem engsten Umfeld zu Grabe tragen musste. Denn Duda verarbeitete seine Trauer im vergangenen Jahr mit seinem Soloprojekt Lunatic Soul in Form des vorzüglichen Albums "Fractured". Dabei jedoch wurde er derart von der Muse geküsst, dass jede Menge weiteres Material entstand.

Was also ist "Under the fragmented sky"? Eine Ausschuss-Sammlung pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum des Projekts? Eine EP mit Songfragmenten, mit denen noch ein schneller Złoty gemacht werden soll? Beides wäre dem Anspruch und der Integrität des Frontmanns gegenläufig. Der die Platte also kurzerhand zu einem "Companion release" erklärt, also zu Songs aus den Aufnahmesessions des Vorgängers, die aber für sich genommen eigenständig sein sollen. Nachdem nun also die Existenzberechtigung dieses Albums geklärt ist, gilt es, endlich abzutauchen. Beziehungsweise fortzuschweben, um im Bild des sperrig betitelten "He av en" zu bleiben. Voraussetzung dafür ist natürlich, sich der neuen, elektronisch dominierten Klangwelt von Lunatic Soul hinzugeben, deren Basis Duda auf "Fractured" so meisterhaft legte. Und die Mittel können einfacher nicht sein: Ein minimalistischer Basslauf, über den ein dezenter Melodiebogen perlt – das reicht, um per Kopfhörer in jene andere Welt zu entschwinden.

Ähnlich reduziert geht "Trials" zu Werke, erinnert gar bisweilen an die Soundscapes des legendären "Kid A" von Radiohead. Doch so richtig, richtig groß wird der Titeltrack, der Song, der im Grunde der Antrieb dieser Platte war. Lose auf "A thousand shards of heaven" aufsetzend, dem Meisterstück des Vorgängers, beginnt "Under the fragmented sky" zerbrechlich, wirkt Duda alleine mit ein paar Griffen auf der akustischen Gitarre noch introvertierter als ohnehin schon. Doch die zweite Hälfte des Songs vermittelt plötzlich Hoffnung, zeigt hörbar das Licht, das auf die Dunkelheit folgt. Und das so nachhaltig, dass die beiden folgenden Instrumentals absolut Sinn ergeben: Hier wäre selbst das so wunderbare, melancholisch-beschwörende Timbre in Dudas Gesang deplatziert.

Nicht minder stark ist der Abschluss der Platte. Immer wieder spielt Duda in "The art of repairing" mit elektronischen Strukturen, baut Klanggebäude um Klanggebäude auf. Was wie eine Spielwiese, ein Fingerübung am Sequenzer anmutet, klingt zu jeder Zeit durchdacht und strukturiert. Und reißt mit, ohne krawallig sein, umgarnt, ohne anzubiedern. So leise, wie die Stimmung hier ist, so laut muss dieses Stück eigentlich gehört werden, bis "Untamed" zum Abschluss eine mögliche Ahnung davon vermitteln mag, in welche Richtung sich Dudas Hauptband Riverside noch entwickeln könnte – wäre der Osteuropäer nicht immer wieder für eine Überraschung gut. Die einzige Überraschungen jedoch, die "Under the fragmented sky" bietet, ist die erneut unglaublich hohe Qualität und die Konsistenz im Songwriting, die aus der Platte so viel mehr machen als eine Anschluss-EP. Wie gut, dass heutzutage nicht mehr analog produziert wird. Denn ansonsten dürften Heerscharen von Bands künftig die Studio-Mülleimer nach Tape-Schnipseln mit vermeintlichem Ausschuss durchwühlen – in der Hoffnung, es möge etwas von dieser Qualität darunter sein.

(Markus Bellmann)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Under the fragmented sky
  • The art of repairing

Tracklist

  1. He av en
  2. Trials
  3. Sorrow
  4. Under the fragmented sky
  5. Shadows
  6. Rinsing the night
  7. The art of repairing
  8. Untamed

Gesamtspielzeit: 36:02 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gomes21

Postings: 2440

Registriert seit 20.06.2013

2018-06-10 23:07:01 Uhr
Ist klasse geworden, gefällt mir gar besser als Fractured

Armin

Postings: 12184

Registriert seit 08.01.2012

2018-06-07 21:06:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum